euro_may.jpgOb man die Situation der digitalen Kreativen wie als neu-bürgerliches Lebensgefühl beschönigt oder wie als unfreiwilliges urbanes Pennertum bezeichnet: die Entwicklung eines Prekariats ist zumindest in der Hauptstadt der Kreativen – Berlin – deutlich sichtbarer Teil des gesellschaftlichen Lebens geworden. Grund genug zu fragen: wovon unterscheidet sich die digitale Bohème eigentlich von urbanen Laptop-Pennern?

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Prekär bedeutet unsicher, durch Bitten erlangt, widerruflich und schwierig und bezeichnet mittlerweile die Lebenssituation von immer mehr jungen Erwerbstätigen.

“Hol Dir Dein Leben zurück” heißt deshalb passenderweise das Motto der europaweiten EuroMayday-Veranstaltungen, die damit ein absolut aktuelles Update des Maifeiertag der Arbeiterbewegung liefern. Den internationalen gibt es bereits seit 2001. Er möchte den verschiedenartigsten Formen von in Arbeit und Leben, die durch die klassischen Institutionen der und der Linken nicht organisiert werden, einen Ausdruck zu geben. Erst in Italien, inzwischen fast überall in Europa hat sich die Bewegung der Prekären formiert. 2006 zogenbereits mehr als 6000 Teilnehmer auf der ersten Berliner MaydayParade durch Kreuzberg und Neukölln und protestierten gegen die Prekarisierung von Arbeit und Leben.

Prekär – ein Wieselwort?

In der durch wirkungsvolle Lobbyarbeit gekennzeichneten Politik ist es daher erfrischend, daß der Euromayday sich nicht in den üblichen Strukturen (Arbeitnehmer gegen Arbeitgeber) beschränken will.

Tatsächlich lassen sich die “Prekären” nicht in eine Schublade stecken: die Latte reicht von

  • illegal arbeitenden polnischen Wanderarbeitern, die nicht ausbezahlt werden,
  • Dauer-Praktikanten, die im Grunde einen unbezahlten Vollzeit-Job machen oder
  • freie Webdesigner, die für 5.000 Euro Konzernwebsites programmieren, die dann für 200.000 Euro verkauft wurden
  • Menschen über Fünfzig oder von Abschiebung Bedrohte.

Die Liste ist lang und die Ausgangssituation sehr unterschiedlich. Gemeinsam ist den Prekären, daß das Geld nicht zum Lebensunterhalt reicht. Jedenfalls nicht für eine vorausschauende Lebensplanung.

Ist prekäre ebenso ein Wieselwort wie Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek das Wort “sozial” bezeichnete? Lässt sich also allerlei in diesem Wort verstecken? Am ehesten kielleicht man noch als prekär bezeichnen, wenn jemand durch seine Liquiditätslage derart eingeschränkt ist, daß er gezwungen ist, Entscheidungen zu treffen, die er sonst nicht treffen würde. Diese Notlage kann natürlich auch ausgenutzt werden. Dies ist aber nicht einfach zu begrenzen. Insofern ist prekär ein Begriff, der für unterschiedlichste Verwendungen genutzt und daher auch einfach mißbraucht werden kann.

Wer ist schuld an der Lage?

Im Zusammenhang mit der Prekariatsdebatte ist besonders erwähnenswert, daß besonders von liberalen Ökonomen Kritik an der Diskriminierung bestimmter nichtorganisierter Erwerbstätigen kam.

So bezeichnet etwa der Kölner Wirtschaftsprofessor und Ordnungspolitiker (nebenbei mein ehemaliger Chef) die derzeitige Tariflage als Kartell zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretungen, die bestimmte Erwerbs- oder Nichtwerbsgruppen ausschließt und ihnen teilweise sogar die Teilhabe an den Tarifvereinbarungen erschwert ().

Ich würde noch ergänzen, daß manche Arbeitgeber natürlich auszuweichen und woanders zu sparen versuchen, um den Durchschnittslohn aller Beschäftigten erträglich zu halten. Sind am Ende sogar also die Privilegien der tariflich organisierten Belegschaften für die Misere der Generation Praktikum mitverantwortlich? Dienen die “Prekären” den Arbeitgebern als Puffer, damit die “sozialen Errungenschaften” der organisierten Mehrheit bezahlt werden können?

Ursachen und Lösungsmöglichkeiten

Auch wenn es eine Veranstaltung wie der Euromayday also suggeriert: aber allein durch Solidaritätsformeln wird sich die Lage nicht verbessern lassen. Zu unterschiedlich sind die Situationen der “Prekären”.

Der illegale Wanderarbeiter leidet ja gerade unter dem Entsendegesetz und anderen Diskriminierungen seiner Bewegungsfreiheit. Hier muß so mancher ehrlicher sein.

Zumindest für die dürfte vor allem der Wohlstand der Eltern-Generation eine Ursache für die prekäre Lage sein. Und hier zeigt sich, daß zumindest ein Teil der prekären Arbeitsverhältnisse aufgrund eines soliden familiären Hintergrunds überhaupt machbar sind. Dann zahlt eben Papa mal für 2 Monate die Miete… Diese Art der indirekten Subventionierung so mancher Werbeagentur durch die Eltern Ihrer Beschäftigten führt in der massenhaften Anwendung allerdings zu Marktverschiebungen: wenn viele bereit sind, für wenig oder nichts zu arbeiten (weil sie es sich leisten können) entsteht ein Überangebot am Markt und somit fallen die Preise bzw. Löhne. Prekär wird es aber erst für diejenigen, die es sich nicht leisten können, ein unbezahltes Praktikum zu machen. Hier kann man auch nicht mehr von Chancengleichheit reden, da die Ausgangssituationen völlig unterschiedlich sind.

Passend dazu beschreiben die Organisatoren des Mayday Berlin in ihrem Aufruf , in dessen Jury anstelle von Dieter Bohlen und Heidi Klum die alten Eliten der Eltern-Gesellschaft sitzen: Personalchefs und Arbeitsmarktreformer, Chefredakteure und Hochschulrektoren. Diese Elite müsse sich nicht den neuen Bedingungen stellen, entscheide aber wer rausfliegt und wer weiterkommt. Nicht ganz von der Hand zu weisen auch die Schlußfolgerung: “Und weil sie uns täglich eintrichtern, dass nur die eine Chance haben, die ständig alles geben, machen wir den Rest fast von allein. Das schlechte Gewissen, vielleicht nicht alles versucht zu haben, ersetzt den besten Sklaventreiber. Das Hamsterrad dreht sich, wir laufen.”

Genau wie bei den nichtbezahlten Praktikanten läßt sich auch das zuerst in Berlin beobachtbare Phänomen der urbanen Laptop-Penner zunächst mit familiären Finanzspritzen oder niedrigen Mieten erklären.

Aber auch intransparente Preisstrukturen und fehlerhafte Kalkulationen im Dienstleistungsmarkt speilen eine Rolle. Bei der Kalkulation Ihrer Leistungen begehen viele Freiberufler nämlich allzuoft einen Fehler, der sie viel Geld kostet. Auf die Frage, wieviel denn nun eine Auftragsarbeit kosten würde, gehen viele von ihrem eigenen Finanzbedarf aus und nicht vom Marktpreis. Dies mag zunächst irrational klingen, wird aber verständlich, wenn man davon ausgeht, dass viele Marktpreise trotz Internet immer noch sehr verschleiert sind. Hinzu kommt, daß ein Großteil dieser digitalen Bohème Arbeit nicht nur als Broterwerb sieht. Eine Sichtweise, die man sich leisten können muß, wie oben gezeigt habe.

Was bleibt?

Daß offensichtlich nicht alle “Working Poor” gleichermaßen unter dieser Entwicklung leiden, sondern sie auch als Chance für mehr Selbstbestimmtheit empfinden, beschreiben Holm Friebe und Sascha Lobo in Ihrem Buch. Genau dieses “Es-sich-leisten-Könnens” könnte also die Trennlinie sein, wonach sich entscheidet, ob jemand sich zur digitalen Bohème zählen darf oder sich als urbaner Penner fühlen muß.

Folgende Fragen sind also richtig und deswegen verdient der Euromayday trotz mancher Vereinfachung der Argumente Respekt:

  • ist es richtig, wenn man es sich leisten können muß, arbeiten zu gehen?
  • Ist Einkommen durch Arbeit steuerlich benachteiligt?

Hier würde mich interessieren, wie die Situation unter den Bloggern aussieht. Sind Blogger erfolgreiche Selbstständige, die Ihr Business durch das Weblog nur richtig anfeuern wollen oder gibt es wirklich Crowdsourcing-Geschäftsmodelle (für Teilnehmer, also die Crowd), die ein Auskommen bieten?

Quelle: Logo Euromayday Since then, it has expanded, and the district has seen promising reductions in suspensions, in addition to increased college paper writer attendance

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