Ist das Internet der perfekte Markt? Ein Markt für den jede Regulierung unnötig wäre? Ist das Internet eine Art marktwirtschaftliches El Dorado, in der jede Ordnungspolitik unnötig wäre, weil die Allokation aller Produkte und Dienstleistungen automatisch mit den Bedürfnissen der Nutzer matcht?

Tatsächlich hat es diese Frage in sich, denn von ihrer Beantwortung hängt zusammen, ob man elektronische Märkte eher regulieren oder in Ruhe lassen sollte.

Aber schauen wir doch einmal in die Zauberkiste der ökonomischen Theorie.  Am nächsten kommt dieser Idee des perfekten Marktes die Neoklassik. Die wesentliche Grundlagen der neoklassischen Theorie basieren auf einer Reihe von Annahmen, die es erst möglich machen, einen Großteil der volkswirtschaftlichen Modellwelt zu entwickeln.

Dieser feuchte Traum der Volkswirte – die  Idealwelt der Theorie vollkommener Märkte – basiert auf

  • der Abwesenheit räumlicher oder zeitlicher Differenzierungen,
  • den Annahmen vollständiger Markttransparenz,
  • der Abwesenheit persönlicher Präferenzen und
  • der Annahme sachlich gleichartiger Güter zwischen den Marktteilnehmern.

Zumindest einige der angesprochenen Annahmen scheinen durch das Internet in greifbare Nähe gerückt zu sein. Tatsächlich kann das Internet durch die Senkung der Raumüberwindungskosten auf das Niveau eines Ortsgesprächs und die Verknüpfung verteilter Märkte zu einem „unique computer-mediated environment“ weltweit Angebot und Nachfrage wie auf einem Punktmarkt zusammenführen. Eine standortunabhängige Teilnahme an Märkten wird ermöglicht.

SCHMID formuliert als Ziel eines umfassend realisierten elektronischen Marktes die Annäherung an einen abstrakten Ort des Tausches, an dem vollkommene Information herrscht und Transaktionskosten entfallen.

Ist das Internet solche ein vollkommener Markt? Kann es jemals ein solcher werden?

 

Markttransparanz gibt es nur mit Services

Schon bei den ersten beiden Annahmen, der Abwesenheit räumlicher oder zeitlicher Differenzierungen und der Annahme vollständiger Markttransparenz, tun sich Gräben auf zwischen dem Anspruch der Theorie und der Wirklichkeit der Netzökonomie.

Stellen wir uns ein Internet ohne Google, Ebay, Amazon & Co. vor – es wäre ein unübersichtlicher Dschungel an verteilten Informationsbrocken. Weit davon entfernt, ein perfekter Markt zu sein.

Aber es sind nicht bloß die Marktplätze innerhalb des Internet wie etwa Ebay oder Etsy sowie die vielen Peer-to-Peer-Sharing-Websites wie etwa Uber und Airbnb. Im Grunde ist das Internet ein Markt, der aufgrund seiner Größe jedoch technisch erschlossen werden muss, damit sich Angebot und Nachfrage finden.

Tatsächlich erklärt sich die Existenz einiger der wichtigsten Internet-Angebote daraus, das auch weiterhin – auch im Netz – Transaktionskosten existieren. Zunächst waren es Link-Kataloge wie etwa Yahoo, die halfen, die Suchkosten erheblich zu senken, später wurde ein Großteil der Arbeit durch das Crawling von Websites durch Suchmaschinen wie Altavista und Google automatisiert. Auf diese Weise konnten immer weitere Bereiche des Internets erschlossen werden.

Offenbar ist der volkswirtschaftliche Traum annähernder vollständiger Markttransparenz im auch im Internet nicht ohne jeden Aufwand erreichbar. Immer wieder benötigt es findige Unternehmer, die neue Ansätze entdecken, weitere Inhalte des Netzes zu erschliessen.

Etwas aus dem Blick geraten sind in diesem Zusammenhang übrigens die in den Neunziger Jahren doch intensiver diskutierten intelligente Agentensysteme. Diese softwaremäßigen Expertensysteme könnten die dezentral verteilte Angebot und Nachfrage im Internet-Markt zusammenführen und Anpassungen der Marktteilnehmer auf Mengen- und Preisänderungen mit vernachlässigbarer Zeitverzögerung ermöglichen.

 

Persönliche Präferenzen bestimmen den Markt

Relativ schnell erschliesst sich, dass die Annahme einer Abwesenheit persönlicher Präferenzen natürlich bei allen Arten von Märkten – also auch den elektronischen – einigermaßen weltfremd ist. Es ist einigermaßen klar, dass sich diese Annahme auch durch elektronische Märkte nicht wahrer wird.

, der Vordenker der Transaktionskostentheorie im deutschsprachigen Raum warnt gerade im Zusammenhang mit solchen technischen Hilfsmitteln vor der Gefahr, die Teilnahme menschlicher Akteure in elektronischen Austauschprozessen zu vernachlässigen. Deren Handeln und damit die Beeinflussung des Marktgeschehens durch ihre Erwartungen, Erfahrungen und die Interpretation der Marktinformation sei fundamentales Merkmal realer wie elektronischer Märkte.

 

Individualisierte Services statt homogener Produkte

Auch die neoklassische Annahme sachlich gleichartiger Güter zwischen den Marktteilnehmern ist auf elektronischen Märkten nicht gegeben. Zwar findet sich wohl für jedes halbwegs handelbare und eindeutig zu beschreibende Produkt oder Dienstleistung ein annähernd großer Markt im Internet, der mit hoher Effizienz geräumt wird.

Während die Idee eines solchen ortslosen Internet-Marktes also insbesondere für Standardgüter interessant zu sein scheint, spricht das Element der Interaktivität jedoch eher für den Trend zu einer Heterogenisierung der angebotenen Leistungen. Das Internet „is not a mass consumer market.“ Der Extremfall sind speziell auf die Teilnehmer-Präferenzen maßgeschneiderte Produkte wie eine individualisierte Zeitung, bei der der Kunde die Art der Information selbst bestimmt. Auch hier fällt auf, dass die interaktiven Elemente und die Heterogenisierung des Informationsangebotes (Customizing) bei Individuen ohne jede Präferenzunterschiede keinerlei Sinn ergeben würden.

Langfristig ist also eher ein Mass Customizing Market als ein Mass Consumer Market zu erwarten.

Die Herstellung vollautomatisierter, hochspezifischer Informationsprodukte und niedrige Verteilkosten lassen auf einen höheren Anteil von Forschungs- und Entwicklungskosten an den gesamten betrieblichen Produktionskosten und damit auf die Existenz von Skalenerträgen schließen. Wenn ein Produktionssystem zur Erstellung maßgeschneiderter Leistungen einmal programmiert ist, erfüllt es seine Aufgabe automatisch. Die durch die Internet-Technik eingesparten laufenden Kosten würden im Wettbewerb quasi durch höhere fixe Entwicklungskosten kapitalisiert.

Während eine statische Betrachtung zu dem Ergebnis kommt, dass die Merkmale der Ortslosigkeit und der Markttransparenz Annäherungen an das Ideal des vollkommenen Marktes darstellen, so sprechen Customizing, Interaktivität und die Existenz von Skalenerträgen gegen die Geeignetheit derartiger Annahmen.

Aber den größten Unterschied zu einem perfekten Markt haben wir noch vergessen: Denn solange sich Bitcoins & Co. noch nicht durchgesetzt haben, unterscheidet sich das Internet vom vollkommenen Markt durch das weitgehende Fehlen eines Preissystems.

 

Hinweis: die erste Fassung dieses Artikels stammt vom 14.4.1996. Der ursprüngliche Artikel wurde am 12.5.2015 aktualisiert und überarbeitet.

 

Quellen:

Vgl. SCHMID (1993), zit. n. PICOT; Reichwald; Wigand (1996), S. 318.

Vgl. WIED-NEBBELING (1994), S. 3.

Entscheidungsrelevant sind lediglich die Einwählkosten zum nächstgelegenen Internet-Provider.

Das Internet reduziert damit Arbitragegewinne.

Im Falle des WWW vgl. TOMEK (1991), S. 63.

Dabei gibt es keine räumliche Ausdehnung des Marktes.

PICOT; Reichwald; Wigand (1996), S. 319.

Die grundlegende Idee stammt von Marvin MINSKY; vgl. Norman (1994), S. 68f. Ein intelligenter Agent ist ein softwaremäßiges Expertensystem, dass den Marktteilnehmern bei der Abwicklung teilweise automatisierbarer Vorgänge im Rahmen des Transaktionsprozesses hilft. Die Aufgaben reichen von der Suche nach geeigneten Marktpartnern, der Entscheidungsvorbereitung bis hin zum automatischen Abschluß von Standardvertragshandlungen (sog. Trading Systems). Neu ist deren Einsatz in offenen Netzen.

Internet-Agents beobachten die Bewegungsvorgänge des Internet-Nutzers und schließen so auf deren Präferenzen und Einkaufsgewohnheiten. In der Regel werden sie heute noch von Providern bereitgestellt, die selbst etwas per Netz verkaufen möchten und so ihren Kunden präferenzgerechte Angebote liefern können; vgl. Vgl. Calem (1995), S. 1.

Vgl. PICOT; Reichwald; Wigand (1996), S. 319.

Dies erhöht die Bedeutung von Produktdifferenzierungsvorteilen und Know-how-Vorsprüngen. Die dadurch entstehenden absoluten Kostenvorteile sind allerdings eine Folge des Wettbewerbs. Die neoklassische Analyse versteht diese Bestandteile des Wettbewerbsprozesses unzureichend nur als Marktschranken.

Vgl. Washburn (1995), S. 1.

Vgl. NEGROPONTE (1995), S. 24; Als Bsp. sog. “Pull-Konzepte” vgl. http://www.crayon.com.

Wir werden jedoch sehen, daß bei offenem Zugang zum Internet entgegengestzt auch zu einer Senkung anderer Skalenerträge der Wissensproduktion führen. www.pro-academic-writers.com

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