hannemann_jpg_5387.jpgNoch bis heute treffen treffen sich in Berlin auf der re:publica-Konferenz um die 900 meist deutschsprachige Blogger. Die Konferenz steht in diesem Jahr unter dem Stichwort “Die kritische Masse”. Ein Blog ist ein Internet-Tagebuch. Es geht also im Kern darum, oft und viel zu schreiben. Es könnte also durchaus interessant sein. Aber trifft man da nicht immer die gleichen Leute?

 

Digitaler Kegelverein…

Die deutsche Blogosphäre hat etwas von einem Eifeler Kegelverein. Jedes Räuspern auf dem Podium wird eifrig besprochen. man bildet Fahrgemeinschaften. Übernachtungsgemeinschaften. Man kennt sich, trifft sich oft und am liebsten mit den immergleichen Personen. Auch die Themen kreisen am liebsten um sich selbst. Ein Thema ist ein Thema, weil es für die anderen auch ein Thema ist. Aber stehen die Blogger eigentlich in der Mitte der Gesellschaft?

Wer – und die meisten Blogger tun es – die Zukunft für sich beansprucht und sich mit dem eigenen Blog ein Stück vom großen Aufmerksamkeits-Kuchen abschneiden will, sollte sich (zuerst einmal ganz privat) überlegen, was er dem Durchschnittsleser geben kann.

Frappierend ist die Tatsache, daß auf den meisten Blogs immer gleichen Leute lesen und antworten. Die Mehrheit der Besucher kommt nur einmal vorbei und verschwindet dann wieder in den weiten des Internet. Der (von mir geschätzte) Media-Blog machte vor kurzem eine Umfrage unter seinen Lesern und kam zum Ergebnis, dass die meisten Leser ebenfalls bloggen.

Welche Überraschung!

 

.. aber hierarchiefrei

Sicherlich ist die re:publica eine innovative Veranstaltung. Dies steht außer Frage. Auch der ungezwungene Zugang zu Veranstaltungen wie eben der re:publica, den Barcamps oder den Webmontagen macht es möglich, ohne Hierarchien zu arbeiten und zu kommunizieren. Aber auch für diese Veranstaltungen wie für die ganze deutsche Blogosphäre stellt sich die Frage, ob sich nicht vieles im Kreise dreht. Wo sind die Handwerker, wo sind die Industriekapitäne, die noch in der Dotcom-Welle angesprochen und in den Boom einbezogen wurden?

Wo sind diejenigen, die reale Werte schaffen?

Der Wahnsinn verstärkt sich durch die kommunizierenden Röhren namens Pingbacks. Jeder der woanders einen Kommentar abläßt (sorry), bekommt einen Gratis-Link auf die eigene Seite. Die Ökonomie des Verlinkens gibt also gerade den Betreibern eigener Websites einen Anreiz zum Kommentieren und Verlinken Also lesen vor allem Blogger Blogs. Welcher Handwerker verirrt sich auf die Seiten von Stefan Niggemeier oder Robert Basic? Und wenn schon? Was erwartet ihn dort? Sind die Informationen für eine Mehrheit relevant oder ist es nicht eher (oft durchaus gut gemachte und sehr engagierte) Vereinspflege?

 

Flucht aus der Welt

Für mich stellt sich daher die (vielleicht nicht ganz ernst zu nehmende) Frage, ob die deutsche Blogosphäre eine Paralellgesellschaft ist.

Wikipedia, das kollektive Gedächtnis des Internet, versteht unter der dem Ausdruck Parallelgesellschaft umgangssprachlich eine nicht den Regeln der entsprechende, von dieser mitunter abgelehnte gesellschaftliche Selbstorganisation einer Minderheit.

Der Wikipedia-Text weiter:

“Es geht hier um die auch im übrigen Europa häufige Interessenkollision zwischen einer wirtschaftlich in einer Baisse befindlichen deutschen Mehrheitsgesellschaft mit wenigen Erfahrungen des sozialen Abstiegs und einer eingewanderten Unterschicht mit schwachen Zukunftsperspektiven. Es ist im Kern ein aus der Globalisierung resultierender sozialer Konflikt einer säkularisierten, vergleichsweise wohlhabenden Mehrheit mit einer aufstiegsgehemmten Minderheit.”

Vielleicht richten sich einige resignierten und im Abstieg befindlichen deutschen Milieus auch gerade in einer Art Fluchtwelt ein. Wer bloggt, tut ja wenigstens etwas. Er braucht sich nicht mehr um seinen Nachbarn kümmern, der Krebs hat. Oder um eine feste Arbeit. Es reicht ja, wenn man es Arbeit nennt (siehe “Wir nennen es Arbeit”) und sich stattdessen in die Traumwelt begibt.

Ist die Flucht ins Internet vielleicht sogar ein Wegschauen von der Realität des erodierenden Mittelstands?

Tatsächlich entspricht das permanente gegenseitige Zitieren und Wiedergeben von gefühlt tausendfach Gesagtem einer Art Vereinskultur. Gegenseitiges Schulterklopfen stärkt die Gemeinschaft! Die meisten Blogger dürften gar nicht bemerkt haben, dass sie sich schon längst in einem Second Life eingerichtet haben. Von Sucht möchte ich nicht sprechen, aber einige halte ich für bedroht. Freilich kann ja jeder mitmachen und selbst bloggen. Aber es kann ja auch schon heute jedermann in einem deutsch-kurdischen Kulturverein Miglied werden. Doch wer tut’s? Wenn die kommunizierenden Röhren sich immer weiter mit sich selbst beschäftigen, anstatt sich mit fremden Röhren zu vernetzen, kann kein Fortschritt entstehen.

 

Information ist weder Energie noch Materie

Die Flucht in einen Technologismus kann eine gefährliche Bewegung werden, die die Nöte und die Notwendigkeiten einer realen Welt nicht mehr sieht. Davor gewarnt hat am eindringlichsten der vor kurzem gestorbene deutsche Computer- und Gesellschaftsforscher Joseph Weizenbaum. In in der Süddeutschen Zeitung kurz vor seinem Tod schrieb er mit Hinweis auf Norbert Wiener:

“[Information] ist immer eine private Leistung, nämlich die der Interpretation, deren Ergebnis Wissen ist. Information hat, wie, zum Beispiel die Aufführung eines Tanzes, keine Permanenz; sie ist eben weder Materie noch Energie. Das Maß der Wahrheit des produzierten Wissens hängt von der Qualität der angewandten Interpretation ab.”

Es kommt also auf Interpretationshilfestellungen an. Die schiere Masse an Vernetzung und Information bringt noch kein Wissen zustande. Und Technologien sind nicht wertfrei, sondern vom Zeitgeist der Kultur, in der sie getroffen wird, stark geprägt, fast determiniert. Darüber sollten wir uns bewußt sein, wenn wir über das Web 2.0 sprechen. Unsere Sprache verrät uns: niemand außerhalb dieser Parallelgesellschaft würde verstehen, was auf diesen Blogs steht.

 

Fahrt doch mal nach Neukölln!

Wer der Mitte unserer Gesellschaft dagegen blüht, fährt – wo er schon mal in Berlin ist – am besten mal gleich weiter nach Neukölln. Oder liest gleich das Buch “Neulich in Neukölln” von Uli Hannemann. Subtil beschreibt er die außerhalb der Internetwelt – also wenn man mal seine Auen öffnet – doch sichtbaren Alltagsphänomene. Problembezirk ist überall.

Uli Hannemanns Notizen von der Talsohle des Lebens moralisieren nicht und zeigen keine Klischees, sondern die Wahrheit. Wenn man denLaptop mal ausschaltet und hinsieht.

 


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