Ist das Web tot? Sind die Befürworter offener Standards wie HTML, CSS und Javascript rückwärtsgewandte Nostalgiker, die den Zeiten des alten Webs nachtrauern und sich der Zukunft der mobilen Apps und des Internets der Dinge verweigern? Diese These vertritt jedenfalls Ex-Netzwertig-Chefschreiber Martin Weigert in seinem Beitrag auf t3n. In Wahrheit sichern erst offene Standards die nachhaltige Weiterentwicklung der Digitalökonomie. Offenheit ist vielleicht aus der Mode gekommen, aber wird dringlicher denn je gebraucht.

 

Martin Weigert sieht das anders und hat das Web schon abgeschrieben:

“Die Periode, in der sich plötzliche, totale Freiheit mit der Abwesenheit von formellen Strukturen und traditionellen Hierarchien paarte. Mittlerweile haben wir diese Periode des digitalen Wilden Westens hinter uns gelassen.”

 

Die offene Vernetzung des Webs hat die digitale Hochkultur erst möglich gemacht

Aber auch wenn die Dominanz heute von den AppStores und den großen Plattform-Playern ausgeht, die unsere Kommunikation in formale Strukturen pressen. Auch wenn die Digitalkonzerne als Taktgeber empfunden werden, sollte man nicht vergessen: gerade der offene Vernetzungscharakter des Webs hat die digitale Hochkultur, in der wir uns jetzt befinden, erst möglich gemacht. Ohne das Web wäre die App-Ökonomie nie denkbar gewesen. Wer beides voneinander entkoppeln will, handelt geschichtslos.

Und genauso geht es weiter. Martin Weigert will nicht zurück blicken:

“Viele aber trauern ihr noch nach. Mitunter steht uns dieser Hang zu einer vergangenen Epoche genauso im Weg wie den Reaktionären und Kulturpessimisten ihre pauschalen Zweifel an der globalen Vernetzung und Computerisierung.”

Für die Web-Nostalgiker zeigt er allerdings Verständnis:

“Doch auch wir Befürworter des Fortschritts werden manchmal wehmütig. Dann sehnen wir uns voll Nostalgie nach dem freien, wilden und demokratischen Web der Anfangstage.”

Diese scheinbare Rückwärtsgewandtheit ist in Wirklichkeit Mut zur Freiheit, wie ich im Folgenden zeigen werde.

Ist das alte, offene Netz also tot? Sollten wir ihm keine Träne nachweinen? Ich denke, es lohnt sich, noch einmal darüber nachzudenken. Diejenigen, die aus Überzeugung für ein freies Internet kämpfen, in einen Topf mit Fortschrittsverweigerern aus der analogen Welt zu setzen ist unreflektiert und undifferenziert und verfehlt den Kern der Sache. Im Grunde sind solche Äußerungen sogar latent gefährlich, weil sie eine Technikverherrlichung unterstützen, die nur das Neue feiert und nicht nach der Rechnung fragt.

 

Betrachtet man die Frage genauer, gibt es für heute drei Herausforderungen:

  1. eine Antwort und Positionierung in Bezug auf die Konzentration in den Marktstrukturen zu finden (mit Facebook & Co. ins Bett oder nicht?),
  2. einen nachhaltigen, zukunftsfähigen Technologieansatz zu finden (hybrid oder nativ?),
  3. die offensichtlichen Einschränkungen der in Wirklichkeit nur teilweise offenen, teilweise aber auch geschlossenen App-Ökosysteme zu erkennen und zu überwinden,

 

Facebook – der Staubsauger der sozialen Kommunikation

Auch wenn viele noch von Share-Economy und offenen Strukturen in Social Media sprechen, ist doch klar: die Webwelt von heute nicht mehr die von damals, als Online-Content zwar auch nicht reich machte, aber die Abhängigkeit noch nicht so hoch war, wie in einer Marktstruktur, die durch Facebooks , Snapchat Discovery oder Apple News beherrscht wird. Für die Content-Lieferanten gibt es ja auch kaum eine Alternative, als bei diesen tektonischen Plattenverschiebungen mitzumachen. Den meisten fehlt schlicht die Kraft dazu. Die alten Zöpfe sind ab, der alte Zeitungsadel muss nun den neuen Gatekeepern gehorchen und innerhalb dieser Strukturen versuchen, Nischen zu besetzen.

Martin Weigert findet allerdings: “Gesunder Pragmatismus und das Bestreben, die weitere Entwicklung konstruktiv mitzugestalten, ist deshalb eine erfolgsversprechendere Strategie als der Kampf für das Web von einst.”

Das ist betriebswirtschaftlich richtig, aber volkswirtschaftlich falsch. Aus der Sicht eines CEOs kann man also zustimmen, aber mittelfristig drohen diese Marktstrukturen noch enger von wenigern Marktspielern dominiert zu werden als bisher. Man wird sehen, ob die Verlage hier überhaupt noch eine Daseinsberechtigung haben werden. Das Ziel von Google ist es ja im Grunde, direkt mit den Peers – also mit den Autoren – zu arbeiten.

Monopolartige Machtstrukturen, die den Wettbewerb verzerren, sollte man auch weiterhin kritisieren dürfen. Die Herausforderung lautet, eine ordnungspolitische Antwort darauf zu finden. Bislang ist in der Politik wenig Mut zu spüren, über eine Regulierung der digitalen Goliaths zu debattieren.

 

 

Entwickler arbeiten längst hybrid

Der zweite Aspekte ist die Herausforderung technisch auf das richtige Pferd zu setzen. Tatsächlich arbeiten die innovativen Entwickler heute mit anderen Technologien. Während die Web-Klassik weiterhin auf Oldtimer-Frameworks wie Typo3 und Sprachen wie PHP setzt, hat die neue Entwicklerelite bereits auf Ansätze wie NodeJS, AngularJS und ReactJS umgesattelt.

Und ja – tatsächlich spricht auch aus technischer Sicht einiges gegen die alten Webstandards. Vor allem das DOM-Modell wird von vielen als nicht reformierbar beschrieben – damit stünde HTML und damit das Web als Gesamtkonzept zur Diskussion.

Und natürlich ist es jedem technisch versierten Entwickler klar, dass native Entwicklungen auf den mobilen Plattformen schneller laufen als sogenannte Web-Apps. Das liegt aber nicht nur an der Inferiorität von Programmierkonzepten wie dem DOM, sondern auch an dem Versuch der Mobile-OS-Hersteller, native Apps zu bevorzugen.

Natürlich sind es die Hardware-Hersteller, die ihre Schnittstellen (APIs) zuerst nativ und eben nur zögerlich für HTML5 freigeben. Hier sollte allerdings geprüft werden, ob nicht Druck seitens der OS-Hersteller auf die Hardwarefirmen ausgeübt wird, sodass die nativen Engines systematische Vorsprünge bei neuen Hardware-Innovationen bekommen. Die Einigung auf offene API-Standards für Hardware könnte hier ggf. weiterhelfen. Ob diese Schnittstellen dann nativ oder  in Web Apps benutzt werden, ist dann auch egal. Es wäre jedenfalls wünschenswert, wenn neue Innovationen wie etwa iBeacon direkt auch für Websites zur Verfügung stehen würden. Machen wir uns nichts vor – ein Gastronomiebetrieb wird auf absehbare Zeit keine App haben.

Die Entwickler selbst sehen das ganze übrigens nicht ganz so dramatisch, denn die Mehrzahl der mobilen Apps werden heute aus wirtschaftlichen Gründen sowieso bereits hybrid erstellt.

“Because what app developers want is to build the best app in the shortest amount of time. Which means hybrid. Almost always.” (Matt Asey, )

 

 

Wer Netzneutralität ruft, kann nichts gegen Plattformneutralität haben

Das eigentliche Problem sind also die rückwärtsgewandten Webjünger, sondern die Vorgaben der großen Plattformbetreiber. Die durch die Appstores aufgebauten Machtstrukturen stehen in großem Widerspruch zu der Offenheit, die das Web kennzeichnete. Wird der Zugang zum Betriebssystem ausgenutzt, wirkt das handy wie ein Hardware-Dongle, um neue Entwicklungen zunächst den eigenen Programmierplattformen zukommen zu lassen.

Ganz im Ernst: wer für Netzneutralität ist, sollte sich einmal überlegen, ob diese Neutralität auf der Ebene der Internetdienste denn wirklich gegeben ist. Denn natürlich ist eine App auch nur ein Internetdienst und auch mit den Werkzeugen des Webs lassen sich heute leistungsfähige mobile Applikationen erstellen. In diesem Zusammenhang würde ich von Plattformneutralität sprechen.

Wie war das noch einmal mit der Netzneutralität? Auf Wikipedia heisst es:

“Netzneutralität bedeutet grundsätzlich die gleichberechtigte (neutrale) Übertragung von Daten im Internet.”

Warum dürfen dann AppStores bestimmte Software ausschließen? Warum sollte Apple nicht gezwungen werden, mit HTML5 programmierte Apps in den AppStore aufzunehmen?

So ist es natürlich kein Wunder, dass die Ausbreitung der App-Ökonomie zu Lasten des Webs geht. Anders sähe es auch aus, wenn jede Hardware-Innovation sofort auch als offener Standard über das W3C oder ein anderes Standardisierungsgremium veröffentlich werden müsste. Dann wären die HTML-Jünger der App-Entwicklern weit dichter auf den Fersen.

 

 

Die App-Ökonomie ist nicht nur ein Fortschritt

Seien wir doch mal ehrlich: auch wenn wir alle Superfans vom neuen iPhone sind und alle keinen einzigen Tag mehr ohne Apps auskommen möchten – vom Standpunkt der Offenheit ist die App-Ökonomie gegenüber dem Web ein klarer Rückschritt. Als Blaupause für eine digitale Wirtschaft taugt sie daher nicht – jedenfalls nicht in ihrer heutigen Form.

Folgende Argumente sollten einmal ausgiebig diskutiert werden, bevor man alle Befürworter offener Strukturen als rückwärtsgewandt bezeichnet:

Erstens: die Entwicklungskosten (Total Costs of Ownership) sind extrem gestiegen, da für mehrere Plattformen entwickelt werden muss. Diese Nachteile können zwar mit Hybrid-IDEs wie PhoneGap oder Titanium Appcelerator teilweise umgangen werden. Aber zum einen sind diese Runtime Engines eben nicht nativ in die Betriebssysteme integriert und zum zweiten liegen sie aufgrund der Veröffentlichungspolitik des App-Duopols von Apple und Google immer etwas hinten dran. Wer ganz vorn dabei sein will und die neueste Hardware über eine App zum Laufen bringen will, kommt an einer nativen Entwicklung kaum vorbei.

In Wirklichkeit hat diese tolle neue Welt mehr mit der Welt vor dem Web zu tun als den Native-App-Jüngern recht sein sollte. Musste früher für Windows und Apple entwickelt werden, muss nun eben für Android, iOS, Windows Mobile und auch noch fürs Web entwickelt werden. Gerade für kleine Firmen sind dieHürden dadurch höher geworden. Man schätzt die zusätzlichen Entwicklungskosten für jede weitere Plattform auf etwa 80% der Kosten der ersten Plattform. Würde also die Funktionalität in HTML5/CSS/Javascript etwa 10000 Euro kosten, so kann man für iOS, Android und Windows noch einmal mit weiteren 24000 Euro Kosten rechnen. Und wo liegt hier noch einmal der Fortschritt?

Zweitens: die Appstores teilen die digitale Welt unnötig in zwei (oder noch mehr) Lager. Zu Zeiten des Webs hat man das als Balkanisierung des Internet bezeichnet und entsprechend bekämpft – wohlwissend, dass der Wettbewerb und die Marktdynamik umso größer sind, je größer der Markt insgesamt ist. Nun haben wir vielleicht keine Balkanisierung, aber doch eine Art Ost-West im mobilen Netz.

Drittens: Apps kennen keine Links. Die Vernetzung in der App-Ökonomie ist also schon auf Basis der Netztopologie ein Rückschritt in eine Welt vor dem Web. Auch wenn die Apps blinkend und smart daher kommen – ohne die Möglichkeit, einfach und schnell zu verlinken sind sie Einwegstraßen.

Viertens: das Internet der Dinge sollte ebenfalls konzeptionell mit dem offenen Web verbunden werden, sonst droht es, von Anfang an von amerikanischen Konzernen beherrscht zu werden. Google Ansatz des Physical Webs ist da schon mal ein Anfang – er ermöglicht es bspw. auch normalen Website-Betreibern – die Vorteile der Beacons auf Websites einzusetzen. Sollte dagegen die Facebook Beacons den Markt dominieren, wären alle kleineren Websitebetreiber quasi gezwungen, Facebook-Pages und -Apps zu bauen. Damit könnte Facebook seine starke Marktposition auf die gesamte physische Welt ausweiten. Man kann nur hoffen, dass der Wettbewerb zwischen den digitalen Supermächten hier noch andere Konzepte hervorbringt.

Ich habe schon länger das Gefühl, dass uns die Begeisterung für die tollen Gadgets langsam die Sinne benebelt. Martin ist ein Kenner der Startup-Szene und hat immer wieder mit kreativen Texten geglänzt. Lieber Martin Weigert – eigentlich bist Du doch ein Guter – und sicher kein benebelter Geist. Daher wirst Du mir das jetzt auch nicht übelnehmen, was ich jetzt leider schreiben musste.

Denn anders als er schreibt, auch wenn das Web und seine Dienste irgendwann konzeptionell an ihr Ende gelangen – die Konzeption offener Standards ist nicht Vergangenheit, sondern nach wie vor ein Konzept für die Zukunft.

 

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