screen.jpgAuch in der Buchbranche sind Social Networks auf dem Vormarsch. scheint dem Medium Buch wie auf den Lieb geschneidert. Mittlerweile steigen auch Größen wie Amazon in diesen Markt ein. Gut, daß auch Europa beim Kulturgut Buch etwas eigenes anzubieten hat. Die virtuelle Buchcommunity ist ein europaweites Austauschforum über Bücher und möchte die Bibliotheken der User über Sprachgrenzen hinweg vernetzen. Das folgende Interview wurde mit dem Schriftsteller Walter Grond aus Österreich geführt, einer der Hauptakteure des innovativen Literaturprojektes.

walter_grond.jpgThomas Vehmeier:
Guten Tag Herr Grond. Sie betreiben das Leseratten-Netzwerk readme.cc. Sagen Sie uns doch ein paar Worte zu Ihrer Person.

Walter Grond:
Ich bin Schriftsteller, schreibe Romane und Essays, betreibe Literaturprojekte und lebe in einem kleinen Dorf an der Donau, in der Wachau/ Österreich.

Thomas Vehmeier:
Trotz der ländlichen Idylle scheinen Sie ein ausgeprägtes Interesse für Technik und das Internet zu haben. Seit knapp drei Jahren gibt es nun die Leser-Community readme.cc. Was bietet readme.cc und an wen richtet sie sich?

Walter Grond:
readme.cc ist ein europäisches Forum für LeserInnen. Es lädt dazu ein, ein eigenes virtuelles Bücherregal zu begründen, mit anderen LeserInnen in Austausch zu treten, idealerweise über Sprachgrenzen hinweg. Im Grunde richtet es sich an alle LeserInnen, die nicht technikfaul sind.

Thomas Vehmeier:
Man kann also in den Bücherschränken der anderen stöbern?

Walter Grond:
Jeder entscheidet, welche Bücher in seinem Regal er den anderen zeigt, welche nicht. In den frei zugänglichen kann er stöbern, sie kommentieren, er kann mit anderen LeserInnen in Kontakt treten, und wird via persönlichen Newsletter auf Leseverwandtschaften aufmerksam gemacht.

Thomas Vehmeier:
Auf Amazon hat mich auch schon immer am meisten interessiert, welches weitere Buch die Leser gekauft haben, die das Buch meiner Wahl gekauft haben. Hat Amazon bei Ihnen schon an der Tür geklingelt?

Walter Grond:
Wir streben in Teilen eine Kooperation an: etwa wird uns klar, dass eine virtuelle Bibliothek korrekte Bibliographien braucht, die wenigsten LeserInnen aber exakte Angaben zu den Büchern, die sie empfehlen, eingeben. Eine automatische Übernahme der Daten, wie es sie auf Amazon gibt, ist angedacht.

Thomas Vehmeier:
Nun gibt es mittlerweile ähnliche Projekte wie , , oder . Worin unterscheidet sich ?

Walter Grond:
Zum einen der sprachübergreifende europäische Aspekt; eine Besonderheit ist das Fotoporträt des Lesers – auf readme.cc sollen die LeserInnen aus ihrer Anonymität heraustreten; ganz wesentlich für das ganze ist unser Selbstverständnis als Schnittstelle zwischen Leser, Buch und sozialer Realität. Wir versuchen, die Tugenden des Wissenschafts- und Literaturbetriebs mit denen der Internetdemokratie zusammenzudenken: bei uns publizieren ExpertInnen, und gleichzeitig kann sich jeder kostenfrei in den Lesekanon einmischen.

Thomas Vehmeier:
Nebenbei war readme.cc einer der ersten Dienste in diesem Bereich. Oder gab es schon Vorbilder? Wie kam es überhaupt dazu?

Walter Grond:
Ich war 2002 literarischer Gast an der Technischen Hochschule in Zürich, betreute dort ein Projekt mit dem Titel “Schreiben am Netz. Literatur im digitalen Zeitalter”. Daraus erwuchs ein sehr produktives Netzwerk; besonders mit Beat Mazenauer, einem Literaturkritiker und Netzwerk, stellte ich mir die Frage, ob denn nicht das Lesen im digitalen Zeitalter hinterfragt werden sollte. Ursprünglich wollten wir nur ein kleines Experiment machen: die gerade aufkommenden Weblogs für uns austesten. Wir fragten uns, ob darin auch wissenschaftliche und literarische Diskurse möglich wären.

Thomas Vehmeier:
Und daraus entstand dann das Projekt… Darf ich danach fragen, wem readme.cc eigentlich gehört und wie die Plattform betrieben wird?

Walter Grond:
Sie gehört dem Verein p&s melk (pilgern und surfen melk), einer Plattform, die wir eigens gegründet haben, und die sich zum Ziel setzt, zwischen alten und neuen Kulturtechniken zu vermitteln. 2004 reichten wir mit Partnern aus Ungarn und Frankreich ein Startprojekt bei der EU-Kommission ein, das wurde genehmigt und mit Mitteln aus dem Budget Kultur 2000 zu 50 % gefördert. Der Rest sind Eigenmittel der Partner.

Thomas Vehmeier:
Finanziert sich das Projekt allein aus Fördermitteln oder gibt es andere Erlösquellen, etwa Provisionen aus Bücherverkäufen. Das wäre ja naheliegend.

Walter Grond:
Nein, derzeit finaziert sich das Projekt ausschließlich aus Förder- und aus Eigenmitteln. Ziel ist eine große Lesercommunity mit einem dezitierten Qualitätsanspruch, das Europäische auch kulturpolitisch gedacht. Mittelfristig besteht aber der Anspruch, aus diesem nachhaltigen Netzwerk mit den Mitteln einer Plattform im Internet einen neuen Vertriebsweg für Bücher zu kreiieren: eine Art virtuellen Buchclub.

Thomas Vehmeier:
Wenn ich bei einem Freund zu Gast bin, kann ich es mir nach ein oder zwei Gläsern Rotwein oft nicht verkneifen, in seinem Bücherregal zu stöbern. Ergeben sich daraus Diskussionen, Netzwerke, Freundschaften, weil man das gleiche Buch gelesen hat? Wie bilden sie diesen Bereich ab oder was haben Sie dahingehend noch vor?

Walter Grond:
Zum einen wird die neue Website ab Frühsommer ein Diskussionsforum anbieten, jeder registrierte User bekommt auch seinen eigenen Blog. Technisch wird also das passieren, was im Augenblick bestmöglich anzubieten ist. Das Entscheidendere aber, finde ich, ist die Moderation. In allen 8 Partnerländern sitzen Redaktionen, die Diskussionen animieren, moderieren, zusammenfassen werden. Wieder diese Schnittstellenidee: etwas abbilden, was in der Realität eines Literaturhauses etwa passiert und dann hoffen, forcieren, dass die enstehende Kommunikation im Netz eine Eigendynamik bringt. Also das Grenzüberschreitende des Internets verbinden mit Veranstaltungen etwa, die wir an realen Orten organisieren, ab April zum Beispiel in der Hauptbücherei Wien.

Thomas Vehmeier:
Genau dieser Ansatz ist ja so interessant: quasi ein Literaturhaus von unten, aus den Bibliotheken der Besucher, zu bauen… Allerdings fand ich es etwas schwierig ein Buch einzubinden. Es wäre einfach, wenn Sie etwa den gesamten Libri-Katalog schon einmal online hätten. Dann bräuchte ich nur noch das Buch auszuwählen… Wieviel Mitarbeit kann man den Usern zumuten?

Walter Grond:
Für das Redesign der Website diskutierten wir dieses Thema sehr ausführlich, machten Userbefragungen, holten Expertenmeinungen ein. Letztendlich kamen wir zum Schluss, dass die Zugangshürden von readme.cc auch unsere Chance sind. Wir werden versuchen, Userfreundlicher zu sein, beispielsweise mittels neuer Schreibtools – aber das Leser sich selbst mit ihrem Gesicht zeigen und sich zu ihren Lieblingslektüren bekennen, ist eben das auch Reizvolle: wer weiß schon wirklich, was LeserInnen denken?

Thomas Vehmeier:
Wäre eine Lesecommunity nicht auch eine prima Flirtbörse? Eine Frau, die wie ich Milan Kundera bewundert und auch noch schön aussieht, wäre doch automatisch attraktiv. Das wäre doch ein passenderes Matching als die Suche über Postleitzahlen oder Haarfarbe… Haben sich schon Menschen über ihre Bücher kennengelernt?

Walter Grond:
Ja, ist schon geschehen. Der persönliche Newsletter befördert das ja auch. Wir finden das prächtig. Flirten war ja im literarischen Salon einmal eine intelektuelle Tugend.

Thomas Vehmeier:
Flirten beflügelt die Gedanken…

Walter Grond:
Und die Gedanken machen neben den Gefühlen Partner …

Thomas Vehmeier:
Finden auch Schriftsteller zusammen? Wie fassen die Profis den Dienst auf?

Walter Grond:
Indem wir die Lücke zwischen Internetkommunikation und Buch als reales Objekt zu schließen beginnen (künftig wird jeder Buchtipp sozusagen materialisiert: Kauf, Ausleihe, Tausch, E-Volltext), merke ich, wie das Interesse von Autorenkollegen an readme.cc steigt. Langsam merken doch viele, dass eine Plattform für Leser ihr bester Aufenthaltsort ist. Es gab da zu Beginn sehr viele kulturpessimistische Skepsis: gewöhnliche Leser, wie schrecklich!

Thomas Vehmeier:
Ich könnte mir auch ideologisch Privatkriege vorstellen:Â Gregor Gysi schaut ins Bücherregal von Günter Beckstein oder Jörg Haider … Wunderbar, was sich daraus ergeben könnte…

Walter Grond:
Bestens! Ich höre von vielen Literaturveranstaltern, wie sie sich nach Auseinandersetzungen sehnen.

Thomas Vehmeier:
Es wird ja viel von Aufmerkamkeitsökonomie gesprochen. Wenn Sie mich als Volkswirt fragen, so ist mein Eindruck der, dass besonders die kleinkarierten Blogger, die sich an anderen reiben, gelesen werden. Ob ich das tiefgründig finde ist eine andere Sache, aber die provakanten “Spalter” ziehen Traffic auf sich und sind damit relevant. Ließen sich solche Diskurse nicht inszenieren?

Walter Grond:
Kann ich Ihnen gar nicht widersprechen. Wir starten in Kürze eine Diskussion zum Urheberrecht im Internet, oder vielmehr: wir freuen uns, dass das European Writers Parliament diese Diskussion im Forum von readme.cc führen wird. Da werden sich sehr namhafte Personen Flegelhaftes an den Kopf werfen, schätze ich. Aber irgendwie das Wichtigere für mich ist: die Qualität dieser Debatte, die wir erhoffen. Ich finde, das ist der Auftrag eines öffentlich geförderten Projektes.

Thomas Vehmeier:
Eigentlich müßten Ihnen die Rowohlts und Suhrkamps doch die Tür einlaufen… Wieso tun sich die Buchverleger so schwer mit dem Internet?

Walter Grond:
Geht dem Literaturbetrieb insgesamt so, und hat etwas mit den bestimmenden Akteuren zu tun – einstmals Vordenker, heute stock kulturkonservativ.

Thomas Vehmeier:
Herr Grond, wo sehen Sie den Buchmarkt in 5 Jahren? Werden Riesen wie Amazon ein Quasi-Monopol errichtet haben? Oder gibt es Chancen für Vielfalt?

Walter Grond:
Ich bin mir sicher, alle Literatur wird digitalisiert zugänglich sein, und das wird neben den Riesen eben wieder kleine Räume auftun für expermientierfreudige Initiativen

Thomas Vehmeier:
Zum Schluß meine Standardfrage. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf einer einsamen Insel. Keine Frau, kein Fernsehen, nichts zu lesen. Aber Internetanschluß. Auf welche Seite würden Sie surfen?

Walter Grond:
Bayern München!

Thomas Vehmeier:
Herr Grond. Ich danke Ihnen für das Gespräch. Viel Erfolg und interessante Diskurse!

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